Tibet - Die Tränen des Karmapa - Frankfurter Rundschau


02. DEZEMBER 2015




 Von WILLI GERMUND
Das Oberhaupt der tibetischen Karma-Kagyu-Sekte warnt vor den Folgen der Klimaerwärmung für ganz Asien

Aus dem 14-jährigen schlaksigen Teenager, der im Frühjahr 2000 vom Dach des Gyoto-Klosters nahe der nordindischen Stadt Dharamsala verwundert ein paar Reporter bestaunte und während einer kleinen Audienz neugierig mit den Fotoapparaten der Besucher spielte, ist ein fülliger – und einsamer – Mann geworden. „Wenn ich traurig bin, kann ich zu niemand gehen. Ich schließe mich ein und weine“, erzählte Tibets 17. Karmapa Ogyen Trinley Dorje im Sommer einem US-Magazin.

Grund zum Tränen vergießen hat das nun 30-jährige Oberhaupt der 900 Jahre alten Karma-Kagyu-Sekte reichlich. Nach 15 Jahren im Exil in Indien vermisst „Apo Gaga“ (glücklicher Bruder), wie ihn seine Schwester in jungen Jahren nannte, die Eltern. Die Chancen auf ein Treffen mit den beiden Nomaden aus Lhatok in Tibet sind angesichts Chinas ablehnender Haltung gering. Außerdem bedrückt den Mönch die stetig zunehmende Wärme auf dem „Dach der Welt“: „Auf dem Plateau von Tibet steigen die Temperaturen doppelt so schnell wie im Rest der Welt“, warnt der Karmapa. „Wir wissen, dass Überschwemmungen und Dürren schlimmer werden.“

46 000 Gletscher ohne Eis

Während der vergangenen 50 Jahre stieg das Thermometer um 1,3 Grad Celsius in der Region des Globus, in der nach Nord- und Südpol die drittgrößten Eisvorkommen der Welt wegschmelzen. Zwei Drittel der 46 000 Gletscher Tibets könnten lauf Vorhersagen von Wissenschaftlern 2050 verschwunden sein. Zu der Zeit dürfte es auch mit dem Ruf Tibets als „Wasserturm“ Asiens vorbei sein. Millionen von Menschen in Indien, Pakistan, Bangladesch sowie Indochina werden dann auf dem Trockenen sitzen.

Der Karmapa, dem dank seiner Position auch ein paar hellseherische Fähigkeiten zugeschrieben werden, bezieht sich auf wissenschaftliche Fakten, wenn er über die düsteren Zukunftsperspektiven spricht, die steigende Temperaturen in seiner Heimat mit sich bringen. Das geistliche Oberhaupt der Karma Kagyu, die eine 200 Jahre ältere Tradition als der weitaus bekanntere Orden des 80-jährigen Dalai Lama aufweist, betätigt sich mit Eifer als Umweltschützer.

Seinen Anhängern in den über die ganze Welt verstreuten Klöstern trug er auf, mindestens einen und wenn möglich bis zu 2000 Bäume zu pflanzen. „Umweltschutz“, so predigte er einmal in dem Ort Bodhgaya im indischen Bundesstaat Bihar, in dem Buddha einst die Erleuchtung für seine Lehren ereilte, „ist wichtiger als Tausende von Predigten über die Freilassung von Tieren, um sie vorm Schlachten zu bewahren.“

Der Hang zu forschen und zu deutlichen Aussagen des Karmapa gehörten schon im Jahr 2000 – wenige Tage nach seiner Ankunft in Dharamsala, dem Sitz der tibetischen Exil-Regierung im Norden Indiens – zu den Charakterzügen des damals 14-jährigen Jugendlichen. Freimütig erzählte er bei seiner ersten Begegnung mit ausländischen Journalisten von seiner waghalsigen Flucht. Am 28. Dezember 1999 war er nachts chinesischen Aufpassern entwischt und zu Fuß, per Pferd und zum Schluss gar per Helikopter nach Dharamsala gelangt.

„Ich konnte in Tibet nicht richtig studieren“, gab er damals die gleiche Begründung zum besten, mit der er bis heute seine Flucht erklärt. In Wahrheit hatte der 14-jährige Karmapa den chinesischen Machthabern eine gewaltige Blamage verabreicht. Peking wollte den Jungen zum spirituellen – den Kommunisten genehmen – Nachfolger des Dalai Lama aufbauen. Der 17. Karmapa ist deshalb der einzige geistliche Führer Tibets, der auch von Chinas Regierung anerkannt wird.

Ausgerechnet Chinas Schlüsselfigur im Kampf um die Herzen der Tibeter aber setzte sich nach Dharamsala ab – und der Karmapa will in seinem indischen Exil auch nichts mehr von irgendwelchen Plänen hören, in die Fußstapfen des Dalai Lama zu treten. „Er ist immer der politische und der spirituelle Führer aller Tibeter gewesen. Ich halte es für sehr unwahrscheinlich, dass nach seinem Tod noch einmal jemand universell als Führer aller Tibeter anerkannt wird. Außerdem ist dies ein Problem, bei dem Indien und China mitreden.“

Chinesische Spitzel in Indien

Der junge Mönch kennt das dünne Eis, auf dem er sich bewegt. Denn obwohl der Dalai Lama ihn als echten Karmapa anerkennt, gibt es mit Trinley Thaye Dorje einen zweiten Mönch, der den Titel des Karmapa beansprucht. In Indien werden Thayes Gefolgsleuten enge Verbindungen zu einem der indischen Geheimdienste nachgesagt. Sie sollen hinter den juristischen Problemen stecken, mit denen Ogyen seit Jahren zu kämpfen hat.

Behörden des indischen Bundesstaats Himachal Pradesh warfen ihm nach einer Razzia vor, in illegale Geldgeschäfte verwickelt zu sein. Die Zentralregierung in Delhi sprach ihn aber von allen Vorwürfen frei. Angesichts der Konkurrenz durch einen anderen Karmapa und höchst wahrscheinlich auch angesichts von Aktivitäten chinesischer Spitzel wird der umweltschützende Mönch kaum mit einer geruhsamen Zukunft rechnen können.


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